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Up Topic Hauptforen / CSS-Forum / Langzeitanalyasen mit riskantem Stil - gibt's das?
- - By Tommy Tulpe Date 2026-07-22 13:57
Liebe Computerschachexperten,

dass ich zu den aussterbenden Spezies gehöre, die immer noch Freude am Fernschach hat, dürften hier mittlerweile so ziemlich alle wissen. Natürlich bediene auch ich mich verschiedener Computerengines und erstelle damit Langzeitanalysen.

Folgende Frage:
Wenn man am Brett gegen einen klar ratingschwächeren Gegner spielt, macht es Sinn, die Stellung möglichst kompliziert zu halten. Weil eben die Aussicht berechtigt ist, dass man in komplizierten Stellungen eher den Durchblick behält als der Gegner. Kein frühzeitiger Damenabtausch, möglichst assymmetrische Materialverhältnisse, ...  Ihr wisst schon, was ich meine.
Gibt es bei Computerschachanalysen irgendwie eine analoge Möglichkeit? Kann ich bei einer Engine irgendwie einstellen, sie möge komplizierte und riskane Züge etwas favorisieren? Ich habe da keine Ahnung.

Freundliche Grüße, Ulrich
Parent - - By Kurt Utzinger Date 2026-07-22 21:03
Tommy Tulpe schrieb:

Liebe Computerschachexperten,

dass ich zu den aussterbenden Spezies gehöre, die immer noch Freude am Fernschach hat, dürften hier mittlerweile so ziemlich alle wissen. Natürlich bediene auch ich mich verschiedener Computerengines und erstelle damit Langzeitanalysen.

Folgende Frage:
Wenn man am Brett gegen einen klar ratingschwächeren Gegner spielt, macht es Sinn, die Stellung möglichst kompliziert zu halten. Weil eben die Aussicht berechtigt ist, dass man in komplizierten Stellungen eher den Durchblick behält als der Gegner. Kein frühzeitiger Damenabtausch, möglichst assymmetrische Materialverhältnisse, ...  Ihr wisst schon, was ich meine.
Gibt es bei Computerschachanalysen irgendwie eine analoge Möglichkeit? Kann ich bei einer Engine irgendwie einstellen, sie möge komplizierte und riskane Züge etwas favorisieren? Ich habe da keine Ahnung.

Freundliche Grüße, Ulrich


Hallo Ulrich
Das finde ich einen völlig falschen Ansatz, mit dem schon viele klare Favoriten gestolpert sind, weil
in irgendeiner komplizierten Variante ein Loch vorhanden war. Gegen klar schwächere Gegner spielt
man ganz normal, solide, denn die positionellen/strategischen Fehler folgen fast automatisch, gar
nicht zu reden, wenn es zum Endspiel kommt. Gerade heute habe ich eine Partie kommentiert, mit
folgender Stellung



Diese Stellung aus einer echten Turnierpartie ist tot Remis. Erstaunlich, dass Weiss (Elo 2026) hier noch gestrauchelt ist. Ein Beweis dafür, dass es dem Weissen an elementarem Endspielwissen mangelt. Schwarz (Elo 2232) kann nämlich nicht verhindern, dass sein Gegner die bekannte Philidor Stellung mit Kc1, Th3 (bzw. Turm auf der 3. Reihe) einnehmen kann. Es gibt hier nichts zu studieren und man kann das blind spielen. Die Partie endete wie folgt:

61. Kb4 Rg5 62. Rh4 Rb5+ 63. Kc4 Ra5 64. Rh6 Ra4+ 65. Kb3 Rg4 66. Rh8 Kb5 67. Rb8+ Kc5 68. Rc8 Rg3+ 69. Kc2 Kb5 70. Rc7 c5 71. Rc8 Kc4 72. Rc7 Rg2+ 73. Kd1 Kd3



74. Rd7+?? (richtig 74.Kc1!=) Kc3 75. Rb7 Rg1+ 76. Ke2 c4 77. Rb8 Kc2 78. Rc8 c3 79. Rb8 Rg7 80. Rb6 Re7+ 81. Kf2 Kd2 82. Rd6+ Kc1 83. Rb6 c2 84. Rb8 Re5 85. Rb7 Kd2 86. Rd7+ Kc3 87. Rc7+ Kd3 88. Rc8 Re4 89. Rd8+ Kc3 0-1

In der ersten Stellung konnte Weiss zum Beispiel einfach wie folgt spielen und Remis erreichen:

61. Kc3 Rf5 62. Rh3 Kc5 63. Kc2 Kc4 64. Kc1 Rf2 65. Rg3 c5 66. Rh3 Kb4 67. Rg3 c4 68. Rh3 c3 69. Rh8 Kb3 70. Rb8+ Kc4 71. Rc8+ Kd3 72. Rd8+

Selbst sehr starke Spieler vergessen manchmal den Übergang zu klar gewonnenen oder Remisstellungen, weil sie herumwursteln. Ich mag mich an ein Turmendspiel vom damaligen super GM Bent Larsen erinnern. Letzterer hatte 2 Mehrbauern (K+T+2B gegen K), verpasste es, im richtigen Moment einen Bauern aufzugeben mit Übergang zu einem ihm bestimmt bekannten Gewinn ... und musste sich am Ende mit Remis begnügen. Unser bester Klubspieler, mit gutem Endspielwissen, hat gegen klar tiefer klassierte Gegner mindestens 50% seiner Partien aus remislichen Endspielen gewonnen.

Gruss
Kurt
Parent - - By Tommy Tulpe Date 2026-07-22 22:02
Danke für deine Antwort, Kurt.
Inhaltlivh liegen wir ausnahmsweise mal nicht auf gleicher Wellenlänge. Gegen einen Gegner, der im Rating extrem weit unter mir angesiedelt ist, halte ich es nicht für die allerbeste Strategie, "ganz normal" zu ziehen und auf seine Fehler zu warten. Sondern ich will ihn möglichst vor viele Probleme stellen. Und meine Frage geht halt dahin, ob man das bei gewissen Engines favorisieren kann.
Beste Grüße, Ulrich
Parent - - By Thomas Zipproth Date 2026-07-22 22:48 Upvotes 2
Hallo Ulrich,

ich lese hier öfters auch Themen mit die nicht in meinem Interessengebiet liegen, wie z.B. Fernschach.
Aber manchmal verstehe ich gewisse Probleme gar nicht, wie hier.

Wie kann ein Fernschachspieler heutzutage überhaupt "schwach" spielen?

- Er spielt absichtlich schwache Züge oder spielt ohne Engines
- Er setzt aus irgendwelchen Gründen nicht Stockfish oder lc0 ein, oder analysiert nur ganz kurz
- Er hat nur eine 15 Jahre Uralt Hardware

Kann es einer dieser Gründe sein, oder meinst du, das es nicht ausreicht, z.B. einfach Stockfish eine Stunde an einem Zug zu überlegen lassen?

Ansonsten eventuell dieses Konzept:
Die Kandidatenzüge nehmen, für jeden ein kurzes Engine Turnier Stockfish - 20 schwächere Engines mit 5 verschiedenen Bedenkzeiten (ist gar nicht so schwierig zu konfigurieren), gibt 100 Partien.
Dann den Zug nehmen, bei dem Stockfish die meisten Partien gewinnt.

Beste Grüße,
Thomas
Parent - By Tommy Tulpe Date 2026-07-23 09:54
Thomas Zipproth schrieb:


Wie kann ein Fernschachspieler heutzutage überhaupt "schwach" spielen?

- Er spielt absichtlich schwache Züge oder spielt ohne Engines
- Er setzt aus irgendwelchen Gründen nicht Stockfish oder lc0 ein, oder analysiert nur ganz kurz
- Er hat nur eine 15 Jahre Uralt Hardware

Kann es einer dieser Gründe sein, oder meinst du, das es nicht ausreicht, z.B. einfach Stockfish eine Stunde an einem Zug zu überlegen lassen?


Durchaus möglich, dass eine deiner drei aufgezählten Möglichkeiten zutrifft. Letztlich weiß ich nur, dass das Rating des Gegners rund 1000 Punkte unter meinem liegt. Aber Vorsicht: In 30 Jahren Fernschach habe ich genügend Partien gespielt, um zu wissen, dass das Rating (manchmal) nichts besagt.

Thomas Zipproth schrieb:

Ansonsten eventuell dieses Konzept:
Die Kandidatenzüge nehmen, für jeden ein kurzes Engine Turnier Stockfish - 20 schwächere Engines mit 5 verschiedenen Bedenkzeiten (ist gar nicht so schwierig zu konfigurieren), gibt 100 Partien.
Dann den Zug nehmen, bei dem Stockfish die meisten Partien gewinnt.

Beste Grüße,
Thomas


Interessante Idee, wenngleich zeitaufwändig. Danke.

Grüße von Ulrich
Parent - - By Kurt Utzinger Date 2026-07-23 11:39
Hier noch eine Gewinnpartie eines Underdogs mit Schwarz (Elo 1885) gegen Weiss (Elo 2651)

Event:
Ort:
Datum:

Weiss:
Schwarz:

Ergebnis
Board
Parent - - By Tommy Tulpe Date 2026-07-23 11:56
Nice.
Aber was willst du uns damit sagen, Kurt? Das sowas möglich ist, weiß ich natürlich als alter Fernschach-Hase.
Parent - By Kurt Utzinger Date 2026-07-23 12:00
Tommy Tulpe schrieb:

Nice.
Aber was willst du uns damit sagen, Kurt? Das sowas möglich ist, weiß ich natürlich als alter Fernschach-Hase.


Die Partie war kompliziert und selbst für den super GM zu kompliziert, um den Gewinn zu finden.
Für Schwarz war es einfacher zu spielen, so dass der Underdog seine Chancen packen konnte.
Gruss
Kurt
Parent - By Christian Petersen Date 2026-07-23 00:20
Tommy Tulpe schrieb:

Weil eben die Aussicht berechtigt ist, dass man in komplizierten Stellungen eher den Durchblick behält als der Gegner.


Wenn aber nun die Aufgabe - nämlich Durchblick zu behalten - delegiert wurde...und der "Gegner" auch einfach Stockfish heißen könnte? Hätte man sich dann nicht gehörlich nicht ins eigene Knie geschossen?

Zur Ideenfindung vielleicht interessant - abprüfen sollte aber die Varianten usw... ihr macht das schon, ihr Fernschächer.

Beste Grüße
Parent - By Christian Bartsch Date 2026-07-23 12:58 Edited 2026-07-23 13:10
Hallo Ulrich,

wir kennen uns seit 2 Fernturnieren und deshalb stelle ich eine provokative Frage, die du nicht beantworten, sondern darüber schmunzeln sollst. Bist du schachmüde?

Vielleicht ein wenig, unser guter alter Siegbert Tarrasch würde dir folgenden Tipp um die Ohren hauen. Denn einst fragte man ihn gegen wen er am darauffolgenden Tag spielt: "Morgen spiele ich gegen die schwarzen Steine" Dogmatisch, aber auch ehrgeizig. Denn wir wollen das Geschehen auf dem Brett diktieren nicht unser Gegner. Mal gelingt es, mal weniger.

Es gibt meiner Meinung noch zwei Arten von niedrigwertigen Schachspielern die in Thomas Liste fehlen:

4. Schachspieler die nur den Computer bedienen und wenig oder gar kein Schach können.
5. Schachspieler, die nicht vollen Ehrgeiz besitzen und daher auch mal in der Mittagspause einen Zug ohne Engine abgeben

Im Endeffekt unterscheidet uns doch nur, ob wir mit mehr Zeitaufwand fehlendes Talent durch Arbeit ausgleichen können ( siehe die Selbstbetrachtung eines Ivan Lendl ).

Und jetzt möchte ich dir meine Gedanken anhand eines Beispiels präsentieren:



paralleles Thematurnier zu eurem Parham.

Wenn der ratingschwächere Spieler wenigstens schon mal in einem Nahverein gespielt hat, dann werden bei über 500 Elo Unterschied andere Gedanken laut.

Ich möchte meinem starken Gegner einen guten Kampf liefern und vielleicht Remis erreichen. Also suche ich Varianten mit Remis Charakter, wo ( bei mir z.B. im Endspiel ) die Schachengine mich bei meinen vorhandenen Lücken unterstützen kann.



Da der Anziehende ohnehin leichten Vorteil hat, ist die Aufgabe vom Nachziehenden natürlich schwerer.



Bis zu diesem Zeitpunkt alles normal, hier weicht Weiß mit 12. Le2 vom vorgeschlagenen 12. Ld3 ab.
Darauf gründet sich meine Behauptung, ich habe zumindest mal Schach gespielt, denn ich plane den Läufer auf f3 zu stellen und dort den Punkt d5 zu beobachten, kontrollieren, vielleicht zu erobern ( auf e4 schielt schließlich der schwarze Springer ). Hintergrund meiner Idee: Schwarz hat den logischen Plan, Spiel gegen den isolierten Bauern auf d4.



Und jetzt haben wir den kritischen Punkt der Partie erreicht. Der schwarze Druck scheint weiter zu wachsen bis zur Gewinnstellung. Schnell muss Weiß handeln. 16. De3 hätte ich vielleicht gegen dich in deiner Stammkneipe gespielt, aber mit Hilfe der Engine wickele ich in ein Endspiel ab.



Remis auf Vorschlag des IM P. Frendzas (2533 vs 1929 ). Natürlich stellt sich die Frage wie ich mit den schwarzen Steinen gespielt habe, aber die Partie läuft aktuell noch, nachdem ich das "verrückte" 3. ... c5 gewählt habe. Übrigens ist die Schwarzpartie viel interessanter.

Ich denke man muss ein Risiko eingehen wenn man gewinnen will. Aber das Risiko sollte dem eigenen Spielstil angepasst sein. Spaß an der eigenen Partie ist wichtig und vielleicht ist deshalb auch das Remisangebot von Panayotis gegen den weit schwächeren Spieler mit Demut einzuschätzen.

In einem anderen Fall habe ich lange überlegt, wie ich als Weißspieler auf Grünfeldindisch reagieren soll/werde. Inzwischen habe ich ein Grünfeldindisch auf dem Brett und spielte doch tatsächlich die seltene, vielleicht umstrittene Variante 4. g4. Das macht Spaß auch ohne tiefere Kenntnisse.
Aber das ist natürlich stimmungsabhängig, kann sein, im nächsten Versuch spiele ich wieder 4. cxd5.

Das ist jetzt ein Gedanke eines nicht mehr ganz so ehrgeizigen Schachspielers, vielleicht hilft dir das den ein oder anderen Kontrahenten in Kategorien einzuteilen.

Edit: Die Programmexperten können sicher mehr dazu sagen warum ich bei deiner eigentlichen Frage an Gambit-Tiger 2.0 oder den Engine-Einstellungen eines HIARCS ( mindestens der 10er Teil ) an aggressiver Stil denke.
Parent - By Rainer Maikowski Date 2026-07-23 15:41
Hallo Ulrich,
Du kannst natürlich versuchen u.a. auch mit einer aggressiven Engine wie Patricia zu spielen. Oder bei ShashCess High Tal einstellen.
Die engines spielen dann, aggressiver aber auch riskanter. Auch da ist es, wie beim Fernschach generell, ein Geduldsspiel, den richtigen Mittelweg zu finden. Und welche Engines der eloschwächere Gegner nutz weiß man ja auch nicht.
Daher ist auch mein Fazit: wie immer beim Fernschach möglichst sorgfältig analysieren und weitreichende strategische Überlegungen anstellen - egal wie elostark der Gegner ist.
Rainer
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