Tommy Tulpe schrieb:
Liebe Computerschachexperten,
dass ich zu den aussterbenden Spezies gehöre, die immer noch Freude am Fernschach hat, dürften hier mittlerweile so ziemlich alle wissen. Natürlich bediene auch ich mich verschiedener Computerengines und erstelle damit Langzeitanalysen.
Folgende Frage:
Wenn man am Brett gegen einen klar ratingschwächeren Gegner spielt, macht es Sinn, die Stellung möglichst kompliziert zu halten. Weil eben die Aussicht berechtigt ist, dass man in komplizierten Stellungen eher den Durchblick behält als der Gegner. Kein frühzeitiger Damenabtausch, möglichst assymmetrische Materialverhältnisse, ... Ihr wisst schon, was ich meine.
Gibt es bei Computerschachanalysen irgendwie eine analoge Möglichkeit? Kann ich bei einer Engine irgendwie einstellen, sie möge komplizierte und riskane Züge etwas favorisieren? Ich habe da keine Ahnung.
Freundliche Grüße, Ulrich
Hallo Ulrich
Das finde ich einen völlig falschen Ansatz, mit dem schon viele klare Favoriten gestolpert sind, weil
in irgendeiner komplizierten Variante ein Loch vorhanden war. Gegen klar schwächere Gegner spielt
man ganz normal, solide, denn die positionellen/strategischen Fehler folgen fast automatisch, gar
nicht zu reden, wenn es zum Endspiel kommt. Gerade heute habe ich eine Partie kommentiert, mit
folgender Stellung
Diese Stellung aus einer echten Turnierpartie ist tot Remis. Erstaunlich, dass Weiss (Elo 2026) hier noch gestrauchelt ist. Ein Beweis dafür, dass es dem Weissen an elementarem Endspielwissen mangelt. Schwarz (Elo 2232) kann nämlich nicht verhindern, dass sein Gegner die bekannte Philidor Stellung mit Kc1, Th3 (bzw. Turm auf der 3. Reihe) einnehmen kann. Es gibt hier nichts zu studieren und man kann das blind spielen. Die Partie endete wie folgt:
61. Kb4 Rg5 62. Rh4 Rb5+ 63. Kc4 Ra5 64. Rh6 Ra4+ 65. Kb3 Rg4 66. Rh8 Kb5 67. Rb8+ Kc5 68. Rc8 Rg3+ 69. Kc2 Kb5 70. Rc7 c5 71. Rc8 Kc4 72. Rc7 Rg2+ 73. Kd1 Kd3
74. Rd7+?? (richtig 74.Kc1!=) Kc3 75. Rb7 Rg1+ 76. Ke2 c4 77. Rb8 Kc2 78. Rc8 c3 79. Rb8 Rg7 80. Rb6 Re7+ 81. Kf2 Kd2 82. Rd6+ Kc1 83. Rb6 c2 84. Rb8 Re5 85. Rb7 Kd2 86. Rd7+ Kc3 87. Rc7+ Kd3 88. Rc8 Re4 89. Rd8+ Kc3 0-1
In der ersten Stellung konnte Weiss zum Beispiel einfach wie folgt spielen und Remis erreichen:
61. Kc3 Rf5 62. Rh3 Kc5 63. Kc2 Kc4 64. Kc1 Rf2 65. Rg3 c5 66. Rh3 Kb4 67. Rg3 c4 68. Rh3 c3 69. Rh8 Kb3 70. Rb8+ Kc4 71. Rc8+ Kd3 72. Rd8+
Selbst sehr starke Spieler vergessen manchmal den Übergang zu klar gewonnenen oder Remisstellungen, weil sie herumwursteln. Ich mag mich an ein Turmendspiel vom damaligen super GM Bent Larsen erinnern. Letzterer hatte 2 Mehrbauern (K+T+2B gegen K), verpasste es, im richtigen Moment einen Bauern aufzugeben mit Übergang zu einem ihm bestimmt bekannten Gewinn ... und musste sich am Ende mit Remis begnügen. Unser bester Klubspieler, mit gutem Endspielwissen, hat gegen klar tiefer klassierte Gegner mindestens 50% seiner Partien aus remislichen Endspielen gewonnen.
Gruss
Kurt